Fragen an den Arzt

Dr. Thomas Jolitz, Facharzt für Orthopädie in München. Foto: privat

Wie nützlich oder riskant ist Petanque aus ärztlicher Sicht? Einer der es wissen muss, ist Dr. Thomas Jolitz, Facharzt für Orthopädie in München und aktiver Petanque-Spieler.

Welchen gesundheitlichen Nutzen und welche körperlichen Risiken birgt Petanque für den Spieler?

Dr. Jolitz: Aus meiner Sicht überwiegen beim Petanque-Sport definitiv die positiven Aspekte.

Um diese Frage korrekt zu beantworten, muss man beim Alter des jeweiligen Spielers und dessen Leistungsniveau differenzieren:

Für jüngere, körperlich fitte und gut trainierte Spieler, die vielleicht nebenher auch noch eine andere Sportart betreiben, ist Petanque ein hervorragendes Mental- und Konzentrations-Training. Die Fokussierung auf das Cochonnet, den Wurf oder das zu erreichende Ziel fördert erheblich die Hirnleistung und kann auch Konzentrationsschwächen und -defizite therapieren. Diesen Effekt hat wohl jeder Boulespieler schon mal am eigene Leib erfahren, wenn er das Gefühl hat, dass er im Petanquespiel komplett „abschalten“ kann und alles andere um ihn herum vergisst.

Von diesem Effekt des Hirntrainings profitiert aber auch der ältere Spieler, da in vielen Studien gezeigt wird, dass regelmäßige geistige Aktivität den altersbedingten Hirnerkrankungen wie Alzheimer und Demenz vorbeugt bzw. deren Verlauf verlangsamt. Zusätzlich profitiert der körperliche weniger aktive Spieler von der regelmäßigen Bewegung an der frischen Luft.

Abschließend muß man auch noch den sozialen Aspekt des Boulespielens berücksichtigen, da hier der Kontakt zu echten „realen“ Menschen nötig ist und nicht wie in der heutigen Zeit die meisten persönlichen Kontakte nur noch virtuell und digital gepflegt werden.

Aus meiner Sicht gibt es im Petanque keine relevanten körperlichen Risiken, was sich auch daran zeigt, dass dieser Sport bis ins hohe Alter betrieben werden kann und selbst Menschen mit körperlichen Einschränkungen ein erhebliches Leistungsniveau erreichen können.

Gibt es gesundheiltiche Beschwerden, die beim Petanque öfter auftreten?

Dr. Jolitz: Ja, die gibt es tatsächlich. Da Petanque ein körperlich eher einseitiger Sport ist, klagen viele Petanquespieler immer wieder über Beschwerden im unteren Rücken, Nackenbereich, Schulter des Wurfarms und in den Kniegelenken durch das Spielen aus der Hocke. Hier handelt es sich jedoch nicht um Verletzungen im eigentlichen Sinn, sondern eher um Überlastungen der jeweiligen Region bzw. um muskuläre Defizite.

Den meisten durch den Petanquesport verursachten Beschwerden liegt eine fehlende muskuläre Stabilisierung zu Grunde. Das bedeutet im Umkehrschluss: Je häufiger, intensiver und ambitionierter man den Petanquesport betreibt, desto mehr sollte man auch eine andere Sportart zum Ausgleich betreiben. Hier bietet sich Schwimmen, Radfahren, Pilates, Yoga oder leichtes Fitnesstraining an.

Viele Sportler anderer Disziplinen machen sich vor dem Einsatz warm. Was sollten Petanque-Spieler tun?

Dr. Jolitz: Leider macht sich kaum ein Spieler vor dem Training, dem Spiel oder dem Turnier warm. Die meisten kommen auf den Platz, holen ihre Kugeln raus und machen dann erst mal 20 bis 30 Schüsse. Das ist sportmedizinisch und trainingstechnisch gesehen eine Katastrophe. Ein Thomas Müller geht auch nicht aus der Kabine aufs Spielfeld und drischt die ersten 20 Bälle Vollspann von der Mittellinie ins Tor, sondern wärmt sich vor dem ersten Ballkontakt mindestens 30 Minuten ohne Ball auf. Hier steckt der Boulesport wahrlich noch in den Kinderschuhen.

Ich empfehle vor jedem ernsthaften Training oder Turnier ein 15-minütiges Aufwärmprogramm mit 5 Minuten Rumpfkreisen (10x in jede Richtung), Armkreisen (einarmig, beidarmig, vorwärts, rückwärts), Dehnen der Oberschenkel-, Rücken- und Nackenmuskulatur. Dann 5 Minuten lockere Würfe der Kugeln ohne festes Ziel (also kein Legen ans Cochonnet) und abschließend 5 Minuten lockere Würfe auf eine längere Distanz von 8 bis 10 m ans Cochonnet, um den Schwungrhytmus zu finden (Bahnung des Bewegungsablaufes). Erst dann sollte mit dem eigentlichen Einspielen begonnen werden.

Herr Dr. Jolitz, wir danken für diese interessanten Infos.

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